Spricht man Einzellern die Eigenschaft zu, dass sie leben, so stellt sich das Leben als Zusammenspiel verschiedener chemischer Prozesse dar. Experimente decken immer mehr die Mechanismen auf, die zu einzelligem Leben führen. Wenn man Alter und Größe von Universum und Erde berücksichtigt, andererseits die kurze Zeit, innerhalb derer Einzeller ihr Erbgut verändern, so ist die Synthese von komplexen chemischen Strukturen, die sich selbst reproduzieren, nichts Ungewöhnliches (vgl. hierzu verschiedene Artikel in "Spektrum der Wissenschaft", Jhg 2023). Es ist denkbar, dass eines Tages in Experimenten der Schritt von einfachen chemischen Verbindungen zu einer Form des Lebens komplett nachvollzogen werden kann.
Was bleibt dann von der "Seele" als eigenständiges, nichtmaterielles Objekt? Beobachtet man Demenzkranke, so stellt man fest, dass sich die intellektuellen Fähigkeiten zurückbilden und sich die Gefühlswelt und der Charakter stark verändern: Mitmenschen, mit denen die Kranken viele Jahre zusammen gelebt haben, werden nicht mehr erkannt und verwechselt. Erinnerungen werden neu zusammengefügt und verändert, so dass sie nicht mehr viel mit der Realität zu tun haben. Bestimmte Emotionen verstärken sich, andere verschwinden.
Man hat den Eindruck, dass Demenzkranke einen langen intellektuellen Tod sterben. Verbindet man die "Seele" mit individuellen Eigenschaften, so stirbt somit auch die "Seele". Wenn man hingegen den Begriff "Seele" von individuellen Eigenschaften trennt, so bezieht sich der Begriff nicht mehr auf einen spezifische Menschen.
Ich denke, dass sich nach diesen Gedanken ein großes theologisches Problem auftut, das ich nicht lösen kann.